23.10.2011 zu Jes 58,7-12 von Pfarrer Eric Bohn

Drucken

Erntedankfest

23. Oktober 2011, Evangelische Kirche Weinheim

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit Euch allen! Amen.

Herr, segne unser Reden und Hören. Amen. 

„Ernte gut – alles gut!?“ - Um ehrlich zu sein, liebe Gemeinde: Ein wenig Sorge hatte ich ja schon vor dem Erntedankfest in diesem Jahr. Wie könnten wir hier in der Kirche mit fröhlichen und festlichen Liedern Gottes gute Schöpfung und eine pralle Ernte besingen, wenn zugleich unseren Landwirten und Winzern die Folgen der extremen Trockenheit und der verfrühten Eisheiligen zu schaffen machen? Sie müssen Einbußen hinnehmen, vor allem bei der Getreideernte, aber auch im Obst- und Weinbau.

Doch dann, vor wenigen Tagen, kam die Überraschung, mit der ich als Laie in Sachen Landwirtschaft nun wirklich nicht mehr gerechnet habe: Unter www.rheinhessen.de las ich die frohe Botschaft von der Weinlese 2011: „Ernte gut – alles gut!“ – mit einem dicken Ausrufezeichen. Die Verfasser des Beitrags schöpfen aus den Vollen mit ihrem Vokabular: Von einem „genialen Jahrgang 2011 mit vielen Superlativen“ ist die Rede. Das Erntedankfest, es ist gerettet!

Ist es nicht so: Die Abläufe in der Natur geben uns immer wieder neu Anlaß zum Staunen. Da wächst und gedeiht etwas, womit man eigentlich gar nicht mehr gerechnet hätte: an den Weinreben, deren grüne Triebe vom Frost zerstört wurden, wuchsen neue Triebe mit Trauben nach – der Anfang eines Spitzenjahrgangs!

Mag sein, dass es für das, worüber ich da gerade staune, eine ganz nüchterne naturwissenschaftliche Erklärung gibt. Trotzdem finde ich es faszinierend, was das Zusammenspiel von Wetter, Pflanzen, Boden und Mensch zutage bringen kann! Und wir Menschen in Rheinhessen können das Wunder von Wachsen und Gedeihen hautnah miterleben, aus allernächster Nähe. Es ereignet sich vor unserer eigenen Haustüre – was für ein Geschenk!

„Ernte gut – alles gut!?“ Nicht jeder, der in der Landwirtschaft tätig ist, wird das womöglich so mit vielen Winzern in und um Weinheim unterschreiben können. Sicher gibt es da Unterschiede, wenn wir auf die Ernte dieses Jahres schauen. Eines steht aber fest: Jedes Jahr können wir so viel ernten, wie wir zum Leben brauchen. In aller Regel können wir sogar noch mehr ernten, als dasm was wir gerade so zum Leben brauchen. Dann können wir Vorräte sammeln, wie der reiche Kornbauer, von dem wir im Evangelium gehört haben. Auf die können wir dann zurückgreifen, wenn der Ertrag einmal geringer ausfallen sollte. Für uns Christen ist dieses alljährliche Wunder in den Abläufen der Natur, dieses faszinierende Zusammenspiel von Natur und Mensch immer wieder neu Anlaß dankbar zu sein. Auch die Ernte dieses Jahres – für die einen womöglich eher ernüchternd, für die anderen sensationell – ist ein wunderbares Geschenk aus den Händen Gottes. So sehr auch der Mensch mit seinem ganzen Sachverstand, seiner ganzen Mühe und Arbeit daran aktiv beteiligt ist: Für den Glauben sind die Früchte unserer Felder und Weinberge in erster Linie eine Gabe. Unser aktiver Part im Zusammenspiel mit der Natur, alles das, was wir zunächst in der Landwirtschaft und schließlich zu Hause in der Küche produzieren beruht auf den Möglichkeiten, die uns von Gott her gegeben sind.

Und so geht unser Danken an Erntedank über das Danken für unsere Nahrung hinaus. Wir haben allen Grund, dem Schöpfer des Lebens für die vielen anderen Gaben zu danken, die wesentlich für uner Leben sind, die wir notwendig zum Leben brauchen: die Anerkennung, die wir von anderen Menschen erfahren – sei es in der Clique oder in der Schule, auf der Arbeit oder im Verein. Dass wir uns in der Familie, unter Freunden oder in einer Gruppe in unserer Gemeinde geborgen fühlen, ist ebenso eine Gabe, die uns gut tut, die wir für unser Leben brauchen.

Der Kirchenvorstand ist heute ganz besonders dankbar dafür, dass er Ihnen und Euch, liebe Gemeinde, ein gründlich saniertes Georg-Neidlinger-Haus übergeben kann. Auch eine Gabe, für die wir besonders dankbar sein können. Denn ihr Wachsen und Gedeihen vollzog sich – in Analogie zu den Vorgängen in der Natur – ebenso im Rahmen eines komplexen Zusammenhangs, der uns gelegentlich zu schaffen machte, uns nun aber staunen läßt über das Wunder des „Ernteerfolgs“.

„Ernte gut – alles gut!“ - Nicht für den Propheten Jesaja! Für ihn geht Erntedank noch einen Schritt weiter. Hören wir auf das 58. Kapitel seines Buches, die Verse 7 bis 12!

Durch Jesaja spricht Gott zu uns:

Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!

Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des HERRN wird deinen Zug beschließen.

Dann wirst du rufen, und der HERR wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich. Wenn du in deiner Mitte niemand unterjochst und nicht mit Fingern zeigst und nicht übel redest, sondern den Hungrigen dein Herz finden läßt und den Elenden sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen, und dein Dunkel wird sein wie der Mittag.

Und der HERR wird dich immerdar führen und dich sättigen in der Dürre und dein Gebein stärken. Und du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt.

Und es soll durch dich wieder aufgebaut werden, was lange wüst gelegen hat, und du wirst wieder aufrichten, was vorzeiten gegründet ward; und du sollst heißen: "Der die Lücken zumauert und die Wege ausbessert, dass man da wohnen könne." 

„Ernte gut – alles gut!?“ - „Mitnichten!“ sagt der Prophet Jesaja. „Ernten allein reicht nicht. Und ein Erntedankfest, das keine Konsequenzen für unseren Alltag, für unseren Umgang miteinander nach sich zieht, reicht auch nicht.“ Der Prophet erinnert uns daran, dass Danken nicht nur eine liturgische, sondern auch eine ehtische Dimension hat.

Unser Dank für alle guten Gaben, die wir von Gott empfangen haben, muss sich nun konkretisieren: „Brich dem hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!“ Gerechtigkeit soll herrschen zwischen uns Menschen. Das ist das Ziel Gottes. Darauf soll unser Erntedankfest hinauslaufen.

Und das gilt nicht nur für unsere Nahrung. Das gilt für alles das, was die Grundlage unseres Lebens ist, wie eingangs schon gesagt: Von Gott her haben ausnahnslos alle Menschen das Recht, durch ihr täglich Brot satt zu werden. Ausnahmslos alle Menschen haben ein Recht darauf, durch andere Anerkennung und Wertschätzung, Zuwendung und Geborgenheit zu erfahren. Dieses Recht haben alle Menschen. Ganz bewusst stehen die fundamentalen Aussagen zum Ja Gottes für alle Menschen im Zusammenhang der biblischen Urgeschichte. Gott hat sie bereits zum Zeitpunkt vor der Erwählung seines Volkes in der Berufung Abrahams getroffen: Die Zusage, dass alle Menschen Ebenbilder Gottes sind, ebenso wie die Zusage des Noah-Bundes: „Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“ (1. Mose 8,22)

Wir, liebe Gemeinde, sind dazu berufen, der Gültigkeit der Zusagen Gottes an alle Menschen, ja, an die ganze Schöpfung, in seinem Namen Ausdruck zu verleihen. Anders als der reiche Kornbauer unseres Evangeliums sollen nicht die, die genug oder gar im Überfluß davon haben, im Für-sich-sein und im Horten aufgehen. Sie sollen das, was sie empfangen haben, mit anderen teilen – vor allem mit den Menschen, die – warum auch immer das in dieser Welt so ist – zu wenig davon haben. Unsere schönen Gottesdienste am Erntedankfest wären nichts als sinnentleerte Rituale, wenn wir darin nicht Impulse zum Menschendienst empfingen.

Wie sagt Jesaja am Ende unseres Predigttextes? „Du sollst heißen: 'Der die Lücken zumauert und die Wege ausbessert, dass man da wohnen könne.'“

Gerade uns Menschen in Weinheim dürften da jetzt die Ohren klingeln: Die Lücken im Dach des Georg-Neidlinger-Hauses wurden beseitigt, indem wir das ganze Dach entfernt und ein neues darauf gesetzt haben, in das es nun nicht mehr reinregnet. Und so manch andere Lücke haben wir zugemauert. Auch den Weg zum Haus haben wir ausgebessert. Und alles das, nicht damit unser Gemeindehaus ein schön herausgeputztes Museumsstück sein möge, das man in Distanz – auf Lücke – bewundern kann. Wir haben unser Haus saniert, „dass man da wohnen könne“, dass es ein Ort der Begegnung zwischen Menschen sein möge, den sie gerne aufsuchen, an dem sie sich wohl und geborgen - als Gemeinschaft - fühlen.

In einem ganz grundsätzlichen und damit auch übertragen Sinne haben wir von Gott den Auftrag, die Lücken, die in dieser Welt und zwischen uns Menschen bestehen, zuzumauern: Natürlich ist dieses Bild unseres Predigttextes am Erntedankfest ausdrücklich auf die Versorgungslücken zu beziehen, die in dieser Welt die einen zu Gewinnern, die anderen zu Verlierern machen.

„Brich dem Hungrigen dein Brot!“ - Wie wichtig ist es, dass viele Menschen in Gottes Namen darum bemüht sind, diese zuzumauern: Dafür steht die Aktion „Brot für die Welt“, für die wir heute wie an jedem Erntedankfest Kollekte sammeln. Dafür stehen all diejenigen ein, die sich bei der „Alzeyer Tafel“ engagieren, ebenso wie im „Eine-Welt-Laden“ in Alzey.

„Die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus!“ - Wir Evangelischen sind unserer katholischen Schwestergemeinde St. Gallus dankbar, dass sie auch an der Stelle konkret dazu beigetragen hat, Lücken zwischen den Konfessionen zuzumauern: Sie hat uns für so manche Gemeindeveranstaltung das Haus St. Gallus zur Verfügung gestellt. Dafür sind wir von Herzen dankbar.

Dankbar sind wir auch unseren Freundinnen und Freunden des Türkisch-islamischen Kulturvereins in Alzey: Sie begegnen uns stets gastfreundlich und offen für Begegnungen, nicht zuletzt auch für Gespräche zu religiösen Themen. Nachdem manche aus unserer Pfarrei zuletzt wieder einmal zu Gast waren beim Fastenbrechen im Rahmen des Ramadan, freue ich mich sehr, heute eine Gruppe von Muslimen der Alzeyer Moscheegemeinde bei uns begrüßen zu dürfen. Mit Ihren Einladungen und mit Ihrer heutigen Anwesenheit unter uns, wie aber auch mit dem „Tag der offenen Moschee“, zu dem Sie jedes Jahr am 3. Oktober einladen, sind auch Sie beteiligen sich aktiv daran, Lücken der Integration, Wissenslücken zwischen Christen und Muslimen zuzumauern.

Liebe Gemeinde, nicht zuletzt wenn wir Abendmahl feiern, setzen wir ein deutliches Zeichen dafür, dass Lücken, die Menschen voneinander trennen, geschlossen werden können. Der, der dazu einlädt, ist in die Lücke, die Gott und Menschen voneinander trennte, eingetreten: Jesus Christus. In ihm ist Gott uns Menschen nahe gekommen, um das Leben in dieser Welt, Freud und Leid mit uns Menschen zu teilen. Er steht mit seinem ganzen Leben dafür ein: Gottes Solidarität gilt besonders denen, die in dieser Welt unter den Lücken der sozialen Ungerechtigkeit leiden, wie auch denen, in deren Leben Krankheit, Leiden und Tod Lücken in das Leben gerissen hat. Seine Hinwendung zur Welt zielte auf deren Überwindung: „In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“ sagt Jesus. (Joh 16,33)

Mit Liebe und Vergebung begegnete er Haß und Vergeltung. Menschen am Rand der Gesellschaft – zu Zöllner, Prostituierte, Aussätzige – holte er in die Mitte des Lebens und feierte mit ihnen gemeinsam Erntedankfeste gefeiert, mitten im Alltag.

„Ernte gut – alles gut!?“ - Vielleicht nicht überall, wohl aber in dem Teil dieser Welt, den wir mitgestalten können. Da können wir anfangen, die Lücken, die Menschen vom Leben trennen, zuzumauern. Und sicher werden wir dabei immer wieder die schöne Erntedank- Erfahrung machen, dass, wer teilt, Dank erntet.

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn. Amen.

Copyright 2011. Joomla 1.7 templates. Copyright © 2013 Evangelische Pfarrei Offenheim - Kirchengemeinden Offenheim, Erbes-Büdesheim und Weinheim. Alle Rechte vorbehalten.