24.07.2011 zu Joh 1,35-42 von Pfarrer Eric Bohn

Drucken

5. Sonntag nach Trinitatis

24. Juli 2011, 9 Uhr Evangelische Kirche Offenheim/10 Uhr Evangelische Kirche Weinheim

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit Euch allen! Amen.

Am nächsten Tag stand Johannes (der Täufer) abermals da und zwei seiner Jünger; und als er Jesus vorübergehen sah, sprach er: Siehe, das ist Gottes Lamm!

Und die zwei Jünger hörten ihn reden und folgten Jesus nach. Jesus aber wandte sich um und sah sie nachfolgen und sprach zu ihnen: Was sucht ihr? Sie aber sprachen zu ihm: Rabbi – das heißt übersetzt: Meister –, wo ist deine Herberge? Er sprach zu ihnen: Kommt und seht! Sie kamen und sahen's und blieben diesen Tag bei ihm. Es war aber um die zehnte Stunde.

Einer von den zweien, die Johannes gehört hatten und Jesus nachgefolgt waren, war Andreas, der Bruder des Simon Petrus. Der findet zuerst seinen Bruder Simon und spricht zu ihm: Wir haben den Messias gefunden, das heißt übersetzt: der Gesalbte.

Und er führte ihn zu Jesus. Als Jesus ihn sah, sprach er: Du bist Simon, der Sohn des Johannes; du sollst Kephas heißen, das heißt übersetzt: Fels.

Herr, segne unser Reden und Hören. Amen.

Liebe Gemeinde, nicht selten sind wir Menschen auf der Suche: auf der Suche nach Glück in der Liebe, nach der richtigen Partnerin, dem richtigen Partner für ein gemeinsames Leben; auf der Suche nach Anerkennung in der Schule, in der Clique unter Kollegen; auf der Suche nach einer sicheren, unbefristeten und angemessen bezahlten Arbeitsstelle. In den letzten Tagen und Wochen waren europäische Spitzenpolitiker krampfhaft auf der Suche nach einem Weg aus der Eurokrise. Immer noch wird in unserem Land danach gesucht, wer die Verantwortung für die todbringenden Ereignisse auf der Loveparade vor einem Jahr in Dusiburg übernimmt. In Norwegen und in aller Welt suchen Menschen nach einer Erklärung für das Motiv des Täters oder vielleicht auch der Täter der schrecklichen Anschläge am vergangenen Freitag, bei denen unzählige Menschen starben und schwer verletzt wurden – vor allem junge Menschen, die das Leben noch vor sich hatten. Weltweit suchen Politiker und Hilfsorganisationen einen Weg, der Hungerkatstrophe in Ostafrika zu begegnen.

Nicht jedes Suchen läuft auf ein Finden hinaus. Manche Wünsche und Sehnsüchte bleiben unerfüllt. So manches im Leben – sei es im Bereich unseres ganz persönlichen Lebens, sei es in den größeren Zusammenhängen in unserer Gesellschaft, in dieser Welt – bleibt offen und unbeantwortet.

Um so dankbarer können wir sein, um so mehr können wir uns freuen, wenn wir finden, was wir suchen. Gott sei Dank dürfen wir auch diese Erfahrung machen! Die Erfahrung, dass auf die Anspannung in der Zeit des Suchens der Moment des Findens Entspannung in unserem Leben eintreten läßt. Und das geschieht nicht selten auch ohne unser Sorgen und Planen. Oft wird uns das geschenkt. Dann sagen wir vielleicht dankbar, mit unserem Wochenspruch: „Gottes Gabe ist es!“ (Eph 2, 8)

Von solchem Suchen und Finden erzählt unser heutiger Predigttext. Er berichtet uns von Menschen auf der Suche nach dem, was im Leben trägt, nach einem Vorbild, nach einem Idol, an dem man sich orientieren kann – danach suchen auch viele Menschen heute.

Johannes der Täufer, zwei seiner Freunde, und Simon Petrus werden fündig – und das nicht so knapp: Sie finden keinen geringeren als den Messias, Gottes Lamm. Ihn dürfen sie als Rabbi anreden. Für sie als Menschen jüdischen Glaubens ist das mehr als ein Sechser im Lotto!

Übrigens: Auch der Messias selbst ist auf der Suche. Was wäre bloß ein Rabbi, ein jüdischer Gelehrter und Prediger, ohne seine Schüler? Was wäre Jesus ohne seine Jünger? Das Suchen und Finden, von dem hier die Rede ist, gilt also beiderseits. Auch Jesus ist auf der Suche nach Menschen, die ihm und seiner frohen Botschaft das nötige Vertrauen schenken. Er möchte nicht allein auf die Wanderschaft gehen, um den Menschen vom Reich Gottes zu erzählen. Er braucht Menschen an seiner Seite, um mitten in dieser Welt des Suchens und der offenen Fragen, inmitten aller Ratlosigkeit und Orientierungslosigkeit Gottes Weg für uns Menschen hörbar und sichtbar zu machen. Gott will, dass wir Menschen auf der Suche das Leben entdecken – oder, wie es die Sprache des Glaubens traditionell ausdrückt: Gott will, dass wir selig werden!

Jesus findet in diesen Männern seine ersten Nachfolger, sie werden sein Jünger. Und seine Jünger finden in ihm ihren Herrn und Meister. Angesichts der Größe dieses Fundes erscheint es mir aber um so überraschender, wie das Finden hier vonstatten geht. Stellen wir dem einmal gegenüber, was uns die drei anderen Evangelisten – die Evangelisten Markus, Matthäus und Lukas – von der Suche und dem Finden Jesu und seiner ersten Jünger berichten. Diese etwas andere Version von der Berufung der ersten Jünger haben wir vorhin als Evangelium für den heutigen Sonntag gehört: Da finden sich Jesus und seine Jünger aufgrund eines wundersamen Fischfangs. Nach einer frustrierend langen und erfolglosen Nacht der drei Fischer auf dem See Gennezaret kommt Jesus zu den Männern und überzeugt sie von seiner Messianität in Gestalt eines Fangs, der beinahe die Netze zum Reißen bringt. Und dieses Fangwunder weiß er noch mit kraftvollen, durch und durch messianischen Worten abzurunden: „Fürchte dich nicht!“, spricht er zu Simon Petrus, „Von nun an wirst du Menschen fischen!“

Liebe Gemeinde, ist das nicht ein Messias, wie man ihn sich vorstellt und wünscht: einer, der nicht kleckert, sondern klotzt? Da bleibt dann auch kein Zweifel, dass es ihm um nichts Geringeres geht als um das Reich Gottes und seine Ausbreitung bis in die letzten Winkel der Erde. Wen wundert es da noch, dass solch eine Tat und solche Worte prompt den Wendepunkt in der Biographie der drei Fischer herbeiführen!? Sie lassen alles stehen und liegen, beenden ihre mal mehr, mal weniger erfolgreiche Tätigkeit als Fischer und werden von Hauptberuf Jünger.

Wie anders ist nun das, was wir da von dem Evangelisten Johannes zu hören bekommen! Der Auftakt Jesu mit seinen ersten Jüngern geschieht ganz ohne Wunder. Da wird kein Machtwort gesprochen, das Menschen förmlich aus der Routine ihres Alltags katapultiert. Hier klingen vielmehr leisere Töne an, fast als geschehe das Suchen und Finden zwischen Jesus und seinen Jüngern en passant.

Wie gesagt: Ich finde das überraschend, unerwartet angesichts der Tragweite dessen, worum es hier doch eigentlich geht: das Menschen den Messias suchen und ihn in Jesus finden. Aber genau das, liebe Gemeinde, macht für mich unseren heutigen Predigttext spannend!

Was unterscheidet die johanneische Version des Suchens und Findens Jesu und seiner Jünger von der Version in den drei anderen Evangelien? Ich meine dies: Während sich in der Darstellung der drei anderen Evangelien Jesus und seine Jünger vermittels eines machtvollen Wunders und machtvoller Worte finden, geschieht dies hier, in der Darstellung des Evangelisten Johannes, in äußerlich unspektakulären, geradezu alltäglichen Begegnungen: auf dem Weg zur Arbeit oder zum Sport, beim Spaziergang. Entscheidend für das Verständnis unseres Predigttextes sind die Worte, die Jesus gegenüber den Suchenden ausspricht: „Kommt und seht!“ - eine Einladung. Und sie nehmen die Einladung an: „Sie kamen und sahen's.“

Kommen und sehen – darauf kommt es hier an! Mit seiner Einladung ruft Jesus Menschen in die Begegnung mit ihm, von Angesicht zu Angesicht. Für Menschen, die sich von ihm einladen lassen, endet die Suche. Das Reich Gottes beginnt zu wachsen.

Wer diese Einladung einmal angenommen und Jesus gefunden hat, der kann gar nicht anders: Der muss die Einladung an andere weitergeben und von seinem großen Fund erzählen. Aus Eingeladenen werden so Zeugen des Glaubens, Menschen, die bereit sind, von ihrem Glauben zu reden und andere ermutigen, dies auch zu tun – wie die Männer in unserem Predigttext, die bezeugen, was Jesus ihnen bedeutet: „Siehe, das ist Gottes Lamm!“ - „Wir haben den Messias gefunden!“

Liebe Gemeinde, unser Predigttext begegnet dem Internetzeitalter nicht vollkommen unkritisch. Denn Kommen und Sehen kann sich nur in der realen, nicht aber in der virtuellen Wirklichkeit ereignen. Face to face ist eben mehr als Facebook! Das Reich Gottes wächst wesentlich kräftiger dort, wo Menschen sich von Angesicht zu Angesicht begegnen. Das soll nicht heißen, dass virtuelle Begegnungen in Internetforen verwerflich sind – keineswegs! Aber sie ersetzen eben nicht die reale Begegnung von Mensch zu Mensch.

Mir scheint es deshalb eine besondere Aufgabe der Kirche heute zu sein, an den hohen Wert realer menschlicher Begegnungen zu erinnern und Räume realer Begegnung zur Verfügung zu stellen. Unsere Kirchen, unsere Gemeindehäuser sind solche Räume. Hierher sollen die Menschen gerne kommen und sich stets eingeladen fühlen. Mit unserem hoffentlich bald fertig sanierten Georg-Neidlinger-Haus tragen wir hier in Weinheim dazu bei, wenn sich Menschen im Frauenkreis, in der Posaunen- oder Kirchenchorprobe oder beim Frauenfrühstück treffen, ebenso in Offenheim mit dem Internetcafé für unsere Jugendlichen.

Überall da können wir dann auch gerne von unserem großen Fund - von unserem Glauben - erzählen und vom Glauben anderer erfahren. Dies geschehe unter uns Christenmenschen gewiss nicht anders als im Geiste Jesu tun, in einer Weise, die andere Vorstellungen toleriert und andere Religionen respektiert, die in jedem Mensch Gottes Ebenbild sieht.

Möge das bei unserem Bibelgesprächsabend im August deutlich werden, wenn wir muslimische Gäste zum Gespräch dabei haben werden. Authentische, echte Glaubenszeugen sind nicht aufdringlich und penetrant, sondern laden ein, hören zu und sind dann aber auch bereit, von ihrem Glauben zu erzählen und ihrem Glauben gemäß zu handeln.

„Kommt und seht!“, sagt Jesus. - Seine Einladung galt damals den Fischern vom See Gennezaret, den Männern um Johannes den Täufer. Und sie gilt auch heute. Der, der auch uns gesucht und gefunden, lädt uns zur Begegnung ein. Davon sollen wir anderen erzählen, denen wir begegnen, damit auch sie suchen und finden.

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn. Amen.

Copyright 2011. Joomla 1.7 templates. Copyright © 2013 Evangelische Pfarrei Offenheim - Kirchengemeinden Offenheim, Erbes-Büdesheim und Weinheim. Alle Rechte vorbehalten.