29.05.2011 (Konfirmation) zu Prediger 10,18 von Pfarrer Eric Bohn

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Konfirmation (Sonntag Rogate)

29. Mai 2011, 10 Uhr, Evangelische Kirche Weinheim

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit Euch allen! Amen.

Herr, segne unser Reden und Hören. Amen.

Staub – ohne Ende Staub. Schweigend kämpft sich der Trupp vor, Meter für Meter, vorbei an Trümmerteilen aus Holz und Stein. Die Luft ist zum Schneiden dick, erfüllt mit kleinsten und feinsten Partikeln. Atemmasken, Kopfbedeckungen, Spezialkleidung – ohne besondere Ausrüstung wäre die Mission nicht zu erfüllen. - Da! In der Stille ertönt eine Stimme. Die Atemmaske und  Milliarden kleinster Staubpartikel dämpfen ihren Klang gespenstisch. Der Trupp gehorcht, kommt zum Stehen. Jeder weiß, was jetzt zu tun ist: Ohne viele Worte schwärmt es aus, das Kommando, verteilt sich auf mehreren Ebenen, bildet eine Kette – nahtlos, von unten nach oben. Ganz oben: die Spezialisten, die Härtesten, die mit der meisten Kondition und der geringsten Furcht. Sie sind bereit für den Einsatz unter schwierigsten Bedingungen. Stück für Stück reißen sie Trümmerteile aus der Pracht vergangener Zeiten. Die schweigende Kette befördert sie nach unten, unaufhaltsam und zügig, doch keineswegs hektisch. Alles läuft koordiniert, glasklar vor Augen das Ziel der Mission mit dem vielsagenden Namen „Kohelet 10, 18“.

Liebe Gemeinde – und ganz besonders liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden!

Eine Szene aus Starwars oder irgendeinem anderen Science fiction Film? Mitnichten! Was ich eben beschrieben habe, ist Teil des realen Lebens. Großes Kino aus den ersten Wochen Eurer Konfirmandenzeit, Ende August des Jahres 2010. Unser Gemeindehaus, das Georg-Neidlinger-Haus, ist der Ort, an dem „Kohelet 10, 18“ in die Tat umgesetzt wird. Kohelet, den wir auch „den Prediger“ nennen und dessen Buch wir in der Bibel finden, hat darin im 10. Kapitel, Vers 18 geschrieben: Wenn jemand zu faul ist, das Dach seines Hauses auszubessern, dringt Regen durch und bald stürzt es ein.

Respekt vor dem Prediger im fernen, alten  Israel und seinen inspirierenden Gedanken zur Situation hier bei uns in Weinheim! „Wenn jemand faul ist...“ - Das mag vielleicht die Mentalität der Bewohner anderer Orte fern und auch nah beschreiben, nicht aber die Mentalität der Weinheimer! Und so entschied sich der Kirchenvorstand zur Sanierung des Georg-Neidlinger-Hauses. Hoch erfreut war er über die große Beteiligung zahlreicher ehrenamtlicher Helferinnen und Helfer aus unserer Gemeinde, wobei er besonders beeindruckt war von Eurem beherzten Einsatz, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden. Denn Ihr habt Euch – einem Spezial-Einsatzkommando gleich – dem Staub und dem Schmutz entgegengestellt, Deckenverkleidungen heruntergeholt, Wände mit Hämmern bearbeitet, Schutt beseitigt usw. Manche von Euch haben sogar noch bei weiteren Einsätzen im Haus mitangepackt. Für alles möchte ich mich bei Euch an dieser Stelle nochmals ganz herzlich bedanken!

Nicht nur, wenn bei Kohelet, dem Prediger, sondern überhaupt in der Bibel vom Haus die Rede ist, ist damit nicht nur das Haus als Wohnung gemeint. Für ihn im Besonderen wie auch für die Bibel im Allgemeinen ist das Haus gewissermaßen ein Symbol für unser Leben. Ich halte das nicht nur für ein wunderschönes, sondern auch für ein zutreffendes Bild! Man kann im Leben auf manches verzichten: auf Markenklamotten, Fernseher, PC und Playstation. Zugegeben: Ein solcher Verzicht wäre für nicht wenige von Euch nur schwer und mit viel seelischer Not zu ertragen. Aber Hand aufs Herz: Ein festes Dach über dem Kopf zu haben, ist doch wesentlich wichtiger und gehört zu den Grundbedürfnissen unseres Lebens.

Wenn also in der Bibel vom Haus die Rede ist, geht es  um etwas ganz Grundsätzliches, wie zum Beispiel um Schule und Beruf. Da geht es um die Beziehungen, in denen wir leben: unsere Freunde, unsere Familie, einfach alles, was wir für unser Leben brauchen, was uns Halt gibt. Und so ist das Haus auch ein Bild für unseren Glauben, für unsere Beziehung zu Gott.

Denken wir an das Evangelium, das wir soeben gehört haben (Matthäus 7,24-29): Jesus vergleicht den Glauben mit einem Haus, das auf einem sicheren Felsen gebaut ist. Deshalb vermag es den Flüssen und Stürmen des Lebens standzuhalten, auch dann, wenn diese kräftig an ihm rütteln und es durchschütteln. Das Haus des Glaubens steht auf solidem Grund, sein Fundament trägt.

Könnte nicht mit dem Felsen, auf dem Euer „Glaubens-Haus“ gebaut ist, Eure Taufe gemeint sein? Mit ihr hat Gott Euch eine solide Basis für Euer Leben geschenkt: Ganz am Anfang oder zumindest in frühen Jahren Eures Lebens hat Gott in der Taufe ausdrücklich „Ja“ zu Euch gesagt – und dann fing er an mit Euch zu bauen. Sein Ziel liegt auf der Hand: Gott wollte mit Euch gewissermaßen eine WG gründen. Denn er will mit einer jeden und einem jeden von Euch will er unter einem Dach wohnen. In dieser lebenslangen Wohngemeinschaft sollt Ihr erfahren, wie wichtig Ihr Gott seid. Gott mag es, wie Ihr Euer Haus eingerichtet habt, jede und jeder von Euch auf eine ganz persönliche Weise. Er liebt Euch für alles das, was Ihr besonders gut könnt und worin Euch keiner so schnell etwas vormachen kann, ob beim Fußball, Basketball oder beim Reiten, beim Gitarre- oder Klarinettespielen, und bestimmt auch am Computer und beim Zocken. Und er liebt Euch mit dem, was nicht so Euer Ding ist, worüber Ihr Euch vielleicht sogar auch ärgert, dass da andere so viel besser sind. Gott liebt Euer Aussehen, den Klang Eurer Stimmen, den Stil Eurer Kleidung. Er steht auf die Musik, die Ihr besonders gerne hört, auch wenn es sich dabei nicht um Kirchenlieder, Bach oder Mozart handelt.

Das sollt Ihr spüren, hautnah. Deshalb sucht Gott die Begegnung mit Euch – nicht  nur sporadisch oder auf Distanz. In jedem Moment Eures Lebens, in Freud und Leid, will Gott Euer bester Freund und treuester Begleiter sein. Gott ist in Euer Haus eingezogen, ein für alle Mal, ohne Wenn und Aber. Er bleibt Euer Hausgenosse auch dann, wenn die Großwetterlage Eures Lebens so sehr auf Sturm und Regen steht, dass menschliche Weggefährten es lieber vorziehen, die Koffer zu packen und auszuziehen. Vergesst deshalb nicht, was Jesus sagt: „Wenn  einmal Regenfluten kommen, die Flüsse über die Ufer treten und der Sturm tobt und am Haus rüttelt, stürzt es nicht ein, weil es auf Fels gebaut ist.“

Da könnten wir Getauften doch eigentlich geneigt sein, nun ganz locker alle Viere von uns strecken, in Sachen Glauben Fünfe gerade sein lassen und sagen: „Hauptsache getauft! Was kann mir schon passieren?“ Jegliches Nachdenken über den eigenen Glauben wäre damit erledigt. Das wäre doch eigentlich sehr schade. Wer so denkt, würde die Taufe als ein magisches Sakrament fehldeuten und missverstehen, dass die Taufe wie eine Käseglocke über uns gestülpt ist und alles Unangenehme im Leben von uns fern hält. Wozu bräuchte man dann noch eine Konfirmandenzeit als eine Zeit des intensiven Nachdenkens über Fragen des Glaubens, des Kennenlernens von Kirche und Gemeinde sowie des Erlebens von Gemeinschaft?

An dieser Stelle ruft sich unser Prediger in Erinnerung: Wenn jemand zu faul ist, das Dach seines Hauses auszubessern, dringt Regen durch und bald stürzt es ein.

Wer den Glauben zum Thema macht, für sich ganz persönlich, steht weniger in der Gefahr, sein Leben lang im eigenen Saft zu schmoren. Der ergreift die Chance, seinen Horizont zu erweitern. Denn das Nachdenken über Gott und die Welt führt unseren Blick hinaus über den eigenen Tellerrand. Wer sich ganz bewusst als ein Mensch begreift, in dessen Haus Gott Einzug gehalten hat, der sieht weiter. Der kann auf Neues, bisher Unentdecktes stoßen – Gedanken und Einsichten, die das Leben bereichern und spannend machen.

Auch in unserem Gemeindehaus wird sich insofern einiges ändern: Auch hier werden wir bald höher und weiter sehen. Dies können wir an dem Bild, das unser Architekt entworfen hat, und das Frau Borckholder und Frau Schäfer jetzt bitte einmal hoch halten gut erkennen: Wo eben noch in kleinen, niedrigen Räumen Schutt und Staub zielstrebig beseitigt wurden, entsteht nun wirklich Neues, Weites, Helles, welches sich weder die Erbauer des Georg-Neidlinger-Hauses noch wir bis vor ca. 2 Jahren uns vorstellen konnten.

Ich finde es ausgesprochen gut, dass ich auf den feedback-Bögen, die Ihr in der letzten Konfirmandenstunde ausgefüllt habt, lesen zu konnte, dass Ihr alle den christlichen Glauben in der Konfirmandenzeit besser verstanden habt. Sie hat sich also gelohnt, die Mission „Kohelet 10, 18“ - die Konfi-Zeit als Zeit der intensiven Arbeit am eigenen „Glaubens-Haus“!

Ebenso gut finde ich, dass Ihr auf selbigem Bogen notiert, dass das Thema „Glaube“ für Euch weiterhin aktuell bleibt, weil noch so manches bleibt, das hierzu noch nicht zuende gedacht und diskutiert ist: der Glaube an Gott, die Auferstehung Jesu, die Armut von Kindern und die damit verbundene Frage nach der Gerechtigkeit in der Welt. Das sind Themen, die Ihr im Konfi-Unterricht vermisst habt. Einige würden gerne an den Themen, die wir besprochen haben, noch intensiver nachdenken: die Schöpfung, das Leben nach dem Tod.

Hier mussten wir feststellen, wie begrenzt doch die Konfi-Zeit war! Zu „Kohelet 10, 18“ können wir eben nicht so einfach sagen „Mission accomplished!“ - „Mission erfüllt!“

Bleibt deshalb dran am Glauben und an den vielen Fragen, die es dazu gibt! Ich freue mich deshalb auf die weiteren Begegnungen mit Euch – nicht zuletzt deshalb, weil sich da ganz bestimmt die Gelegenheit e
rgibt, dass wir in einem anderen Rahmen als dem, den uns der nüchterne Saal in der „Alten Schule“ bot, gemeinsam weiter nachdenken. Gelegenheiten dazu gibt es zahlreich in unserer Gemeinde und Pfarrei: bei einer Tasse Kakao im „Happy Day“, auf einer Jugendfreizeit, wenn einige von Euch Ihr Ideen und Themen einbringen für die Gestaltung des nächsten Jugendgottesdienstes am Reformationstag oder nach einem ganz „normalen“ Gottesdienst am – ich weiß – viel zu frühen Sonntagmorgen.

Wo mehrere Häuser zusammen stehen, ist von einem Dorf oder von einer Stadt die Rede. Wenn das „Glaubens-Häuser“ sind, die da zusammenstehen, ereignet sich Gemeinde.

Schaut Euch einmal dieses schöne Holzhaus mit der geöffneten Tür an! Haltet die Tür auch Eures Hauses nicht verschlossen, sondern offen. Bleibt auch weiterhin  neugierig und interessiert an dem, was andere von sich und ihrem Glauben erzählen. Bringt Euch mit Eurem Glauben und Euren Vorstellungen ein, damit unsere Gemeinde geistlich weiter wächst, zu einem Dorf, vielleicht sogar zu einer Stadt mit vielen schönen, verschiedenen Glaubens-Häusern  – wie es der Prophet Jeremia beschreibt (Jeremia 29,5-7): Baut Häuser und wohnt darin! Pflanzt Bäume und esst ihre Früchte! [...] Suchet der Stadt Bestes! Betet für sie zu Gott, dem HERRN, denn wenn es ihr gut geht, dann geht es auch euch gut!

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn. - Amen.

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