22.05.2011 zu Jes 12 von Pfarrer Eric Bohn

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Sonntag Kantate (4. Sonntag nach Ostern)

22. Mai 2011, 9 Uhr, Evangelische Kirche Weinheim

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit Euch allen! Amen.

Ich danke dir, HERR, dass du bist zornig gewesen über mich

und dein Zorn sich gewendet hat und du mich tröstest.

Siehe, Gott ist mein Heil, ich bin sicher und fürchte mich nicht;

denn Gott der HERR ist meine Stärke und mein Psalm und ist mein Heil.

Ich danke dir, HERR, dass du bist zornig gewesen über mich.

Ihr werdet mit Freuden Wasser schöpfen aus den Heilsbrunnen.

Und ihr werden sagen zu der Zeit:

Danket dem HERRN, rufet an seinen Namen!

Machet kund unter den Völkern sein Tun,

verkündiget, wie sein Name so hoch ist!

Lobsinget dem HERRN, denn er hat sich herrlich bewiesen.

Solches sei kund in allen Landen!

Jauchze und rühme, du Tochter Zion;

denn der Heilige Israels ist groß bei dir!

Herr, segne unser Reden und Hören. Amen.

Liebe Gemeinde,

„Kantate" steht über diesem 4. Sonntag nach Ostern. Cantate Dominum canticum novum. „Singet dem HERRN ein neues Lied!" - Aus dem Leitvers des Eingangspalms – er ist zugleich auch der Wochenspruch – hat der heutige Sonntag seinen Namen erhalten: „Kantate!" - „Singet!" In vielen Gemeinden wird dieser Sonntag als „Tag der Kirchenmusik gestaltet. Wäre unser Posaunenchor nicht bereits durch sein hervorragend gelungenes „Frühlingskonzert" gestern abend und die Konfirmation am nächsten Sonntag eingespannt, so hätte ich die Bläserinnen und Bläser ganz bestimmt zur besonderen musikalischen Gestaltung dieses Gottesdienstes angefragt. Ähnlich verhält sich das mit unserem Kirchenchor: Der hat bereits am vergangenen Sonntag zum Vorstellungsgottesdienst der Konfirmandinnen und Konfirmanden gesungen und wird dies in Kürze bei der Konfirmation in Offenheim tun.

So sind nun wir mit unseren Stimmen um so mehr gefragt, die schönen Loblieder unseres Gesangbuches anzustimmen, wie immer gut und festlich begleitet von Herrn Groß an der Orgel. „Kantate!" - „Singet!" - Dieser Aufruf gilt uns, der singenden Gemeinde, einer jeden und einem jeden von uns ganz persönlich, ganz unmittelbar.

Es gibt ja Leute, die sagen: „Ich kann nicht singen. Ich überlasse das den anderen, die das besser können, und höre lieber zu." Ob diese Selbsteinschätzung nun tatsächlich richtig ist oder nicht, ist eine andere Frage. Außerdem bin ich davon überzeugt, dass Gott jedes Loblied, das aus vollem Herzen kommt, herzlich gerne hört. Dennoch müssen wir zunächst festzuhalten, dass es Menschen gibt, die dem Aufruf des heutigen Sonntags aus rein musikalischen Gründen skeptisch gegenüberstehen.

Neben den musikalischen kann es ja noch ganz andere Gründe geben, die sich unserem Singen in den Weg stellen. „Kantate!" - „Singet!" Und das auf Kommando, per Knopfdruck, weil das Kirchenjahr es so will? Nicht immer und in jeder Situation ist mir nach Singen zumute. Zu viele Erfahrungen weisen da in eine ganz andere Richtung. Da gibt es auch Entsetzen, Wut und Zorn, Verzweiflung, Ohnmacht und Traurigkeit, in den großen wie auch iin den kleinen Bereichen unseres Lebens. Die Gefahren des Terrorismus sind mit dem Tod Osama bin Ladens nicht beseitigt. Immer wieder erschrecken uns Bilder und Schlagzeilen, die uns die hohe Gewaltbereitschaft bei perspektivlosen jungen Menschen in unserem eigentlich doch freien und reichen Land vor Augen führen. Die Menschen in den Katastrophengebieten in Japan leiden weiter, auch wenn wir in den Nachrichten und Zeitungen inzwischen nur noch am Rande von ihrer Situation erfahren. Und zu dem kommen noch die existentiellen Barrieren unseres Singens, in unserem ganz persönlichen Leben: die Trauer um den verstorbenen Partner; die Ehe, die auf einmal auf dm Prüfstand steht; die Angst vor der Zukunft angesichts der Diagnose einer schweren Krankheit.

Gerade denen, die sich mit dem Singen schwer tun, die einen Kloß in ihrem Hals verspüren, steht jener Beter und Sänger nahe, aus dessen Feder unser heutiger Predigttext stammt. Keine Frage: Er bringt seinen Dank vor Gott. Er lobt Gott in den höchsten Tönen. Als seine Stärke, als seinen Retter lobt er ihn. Doch sein Lobgesang steht in einem Zusammenhang, er ist nicht irgendwie heiter-fröhlich vom Himmel gefallen. Sein Singen hat eine Vorgeschichte. Und diese gibt zunächst einmal wenig Anlaß zu ausgelassener Freude. Sein Lied ist ganz gewiss nicht selbstverständlich. Es ist alles andere als billig. „Danklied der Erlösten" steht darüber als Überschrift in der Luther-Bibel. Das gibt uns einen Hinweis darauf, dass seinem Lob Leiden vorausging.

Unser Predigttext selektiert nicht einfach so die schönen Momente – zur Feier des Tages „Kantate". Er lenkt unsere Aufmerksamkeit auf das ganze Spektrum unseres Lebens, von himmelhochjauchzend bis zu Tode betrübt. Das könnte uns eine Hilfe sein. Denn wir neigen doch gerne dazu, nur einen Teil der Wirklichkeit unseres Lebens in den Blick zu nehmen – denjenigen, der uns das Singen so richtig vermiest. Das ist die Chance des Sonntags „Kantate", dass wir vor dieser Verengung bewahrt werden könnten.

Schauen wir aber auf das, was dem Lobgesang des Beters vorausgeht: Ein Kapitel vor unserem Predigttext ist Bedrohung und Vernichtung die Rede – und alles das zugelassen von Gott selbst. Israels Erzfeind Assur wird von Gott höchst persönlich in einen Plan eingespannt, der Tod und Zerstörung in Kauf nimmt. Nur ein Rest des Volkes wird sich am Ende bekehren, heißt es. Ein kleiner Zweig wird zum Bild für einen Neuanfang, den Gott mit seinem Volk machen möchte. Aus diesem kleinen Zweig, der auf den alten Stamm aufgepfropft wird, wächst dann ein neuer, starker Stamm heran, so das Bild. So entwirft der Prophet mit eindrucksvollen Bildern seine Vision vom Reich Gottes, dass Gott – allen Feinden und zerstörerischen Tendenzen zum Trotz – machtvoll aufrichtet. Daran schließt unser Predigttext an: „Zu der Zeit wirst du sagen: Ich danke dir, HERR, dass du zornig gewesen und dein Zorn sich gewendet hat und du mich tröstest."

Das „Danklied der Erlösten" ist gepägt von tief empfundenem Dank derer, die inmitten der Zerstörung die Chance für einen Neuanfang bekamen. Ihr Dank richtet sich an einen Gott, der nicht immer nur der „liebe Gott" ist, sondern ein Gott, der Zerstörung und Mißlingen im Leben von uns Menschen zulässt und deswegen zugleich ein Gott ist, den wir Menschen nicht begreifen können und auch nicht begreifen müssen; ein Gott voller Widersprüche und Abgründe auf der einen Seite, aber dann wieder ein Gott, der für das Leben einsteht, der einen Neubeginn möglich macht. Und alles das in den großen wie auch in den kleinen Zusammenhängen unseres Lebens.

„Kantate"- „Singet" Dieser Aufforderung des heutigen Sonntags können manche deshalb nicht gleich folgen. Bei ihnen ist zunächst einmal das Klagen angesagt, vielleicht sogar das Gott-Anklagen angesichts ihrer Erfahrung von Zerstörung von Leben und des Mißlingens von Lebensplänen. Gerade das bewegt die Menschen, die an anderen Stellen der Bibel – vor allem in den Psalmen – ihre Stimmen erklingen lassen. Interesaant finde ich: Die meisten Psalmen sind keine Loblieder. Es sind Lieder, in denen Menschen Gott ihr Leid klagen, ganz offen und unverblümt, und damit auch ihr Nicht-Verstehen Gottes, ihren Zweifel. Sie begeben sich in die Auseinandersetzung mit Gott. Und hier, wie auch an unserem Predigttext und dem Zusammenhang, in dem er steht, können wir erkennen: Wo die Auseinandersetzung möglich war, kann der Blick auch frei werden für neue Perspektiven. Erste Schritte in eine neue Richtung werden möglich, die Krise kann als Chance für einen Neuanfang begriffen werden. Und irgendwann ist es an der Zeit, ein Danklied anzustimmen, den Aufruf „Kantate!"- „Singet!" gar nicht mehr als so fremd und befremdlich zu empfinden. Wer dann einstimmt und singt, weiß warum er singt und tut dies ehrlich und von Herzen, wie der Beter und Sänger des Dankliedes, das uns der Prophet Jesaja als Predigttext überliefert. Es wird vor dem Hintergrund einer ganzen Fülle von Erfahrungen angestimmt – und in der festen Gewissheit: So fremd und abgründig unser Gott uns auch begegnen mag, bei allem, was wir an ihm oft nicht begreifen und akzeptieren wollen und können: Am Ende – so die Hoffnung des Glaubens – erweist er sich als Schöpfer, der das Leben zutiefst bejaht, der neues Leben schenkt, mit dem festen Willen, dass dieses Leben auch gelingen mag. Für den Beter und Sänger unseres Predigttextes findet diese Hoffnung des Glaubens Ausdruck wiederum in einem Bild: „Ihr werdet mit Freuden Wasser schöpfen aus den Heilsbrunnen."

Liebe Gemeinde, ob nun auch wir in das „Danklied der Erlösten" einstimmen können? Wir Christinnen und Christen glauben, dass mit Jesus Christus das Reich Gottes mitten unter uns ist. Wie das konkret aussieht, hat Jesus uns durch sein Leben beispielhaft und vorbildlich gezeigt. Vor allem ist in der Auferstehung Jesu Gottes Ja für das Leben in dieser Welt in einer Weise deutlich geworden, die durch nichts zu überbieten ist. In diesem Sinne will Gott auch unser Leben verändern – mitten in allem, was uns das Leben schwer macht und uns Gott kritisch fragen, ihm klagen und ihn anklagen lässt. Die Botschaft von Ostern und mit ihr das „Danklied" aus dem Jesajabuch wollen uns ermutigen darauf zu vertrauen, dass genau das Gottes Weg mit uns und mit dieser Welt ist. Und zugleich wollen sie uns dazu ermutigen, mit Freude und gerne auch mit Gesang in Jesu Fußspuren zu treten, um Gottes Reich in allen Bereichen unseres Lebens sichtbar und hörbar werden zu lassen: Indem wir Kindern und Jugendlichen Lebensmöglichkeiten eröffenen – in der Kinder- und Jugendarbeit in unserer Kirchengemeinde und Pfarrei, in allen Bereichen unserer Gesellschaft, in der wir Verantwortung tragen für die Erziehung von Kindern und Jugendlichen. Nehmen wir in den Familien, in der Kirchengemeinde, in den Schulen mit ehrlichem Interesse am Leben Heranwachsender teil und lassen uns auf ihre Lebenswelt ein, anstelle immer nur zu erwarten, dass sie eine von uns Erwachsenen vorgegebene Lebenswelt kopieren. Wir sollten ihnen mehr zutrauen und mehr Vertrauen schenken, nicht aus Bequemlichkeit die Auseinandersetzung mit ihnen umgehen. So tragen wir dazu bei, dass jugen Menschen ihren eigenen Standpunkt finden. Indem wir Gewalt und Ungerechtigkeit entgegentreten. Die reichen Nationen des christlich geprägten Westens müssen der islamisch geprägten arabischen Welt mit Respekt begegnen – und dies nicht zuletzt vor ihrer Kultur und Religion, anstelle ständig die wirtschaftliche und militärische Überlegenheit des Abendlandes zu demonstrieren. Es muss darum gehen, dem islamistischen Terrorismus den geistigen Nährboden zu entziehen. Und schon wir können da einen Anfang machen, mit kleinen Schritten in unseren ganz persönlichen Lebensbereichen, mitten im Alltag. Mit ist es wichtig, dass ich im Religionsunterricht in der Grundschule den Schülerinnen und Schülern, neben den vielen wichtigen Lerninhalten über unseren christlichen Glauben, das Evangelischsein, auch ein Basiswissen über die beiden anderen großen Religionen, mit denen wir heilsgeschichtlich verbunden sind, vermittle: dem Judentum und dem Islam. Intoleranz und falsches Urteilen, die Gewalt und die Ungerechtigkeit nicht selten auch in den Köpfen von uns Christenmenschen, soll durch Respekt und Toleranz vor dem Anderen, dem Fremden abgelöst werden. Das ist, wie ich meine, glaubwürdige Christusnachfolge. Erst wenn diese Grundlage eines insofern „normalen" Umgangs miteinander geschaffen ist, können wir – Christen und Muslime – uns über die Gemeinsamkeiten und zugleich auch durchaus unterschiedlichen, gelegentlich auch gegensätzlichen Vorstellungen von dem einen, gemeinsam verehrten Gott unterhalten und diskutieren.Und das sei gerade an diesem Sonntag gesagt: Auch durch unser Singen möchte Gott unser Leben im Lichte der frohen Botschaft von Ostern verändern. Nicht umsonst hat das Singen in der Kirche seinen Ort, und seine Zeit immer dann, wenn wir sonntags die Auferstehung unseres Herrn feiern. Denn Singen ist nicht einfach nur der Ausdruck beziehungsweise das Resultat bereits vorhandener Freude. Singen ist auch ein Weg hin zur Freude. Dieser Weg beginnt bereits mitten im Leid, mitten in der Dunkelheit unseres Lebens, überall da, wo Totenstille herrscht. Hier – so will es der Gott des Lebens – hält der Klang meiner Stimme, die Melodie eines Liedes mitsamt seiner tröstlichen und ermutigenden Botschaft Einzug in mein Leben. Ostern wird zur Wirklichkeit meines Lebens, ereignet sich an meinem Körper, an meiner Seele.

Wo auch immer wir gerade stehen, wie auch immer wir uns als Sängerinnen und Sänger einschätzen. Uns allen ist es gesagt, wir alle sind aufgerufen der Einladung des 4. Sonntags nach Ostern zu folgen: Cantate Dominum canticum novum. - „Singet dem HERRN ein neues Lied!"

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn. Amen.

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