27.02.2011 zu Mk 4,26-29 von Pfarrer Eric Bohn

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Sonntag Sexagesimae (2. Sonntag vor der Passionszeit)

27. Februar 2011, 9 Uhr, Evangelische Kirche Weinheim/10 Uhr, Evangelische Kirche Erbes-Büdesheim

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit Euch allen! - Amen.

Und Jesus sprach: Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mensch Samen aufs Land wirft und schläft und aufsteht, Nacht und Tag; und der Same geht auf und wächst - er weiß nicht, wie.

Denn von selbst bringt die Erde Frucht, zuerst den Halm, danach die Ähre, danach den vollen Weizen in der Ähre. Wenn sie aber die Frucht gebracht hat, so schickt er alsbald die Sichel hin; denn die Ernte ist da.

Herr, segne unser Reden und Hören. - Amen.

Liebe Gemeinde,

zunächst einmal dürfte doch eigentlich alles klar sein, eine ganz simple Sache, die Jesus uns hier erzählt: Da streut jemand Samen auf die Erde - und der Samen geht auf. Erst sind es kleine Halme, dann bilden sich Ähren und diese stehen bald in voller Frucht, bereit zur Ernte. Das ist im Grunde etwas völlig "Normales", ein gewöhnlicher Ablauf in der Natur. Wachsen und Gedeihen: das läuft ganz von selbst, ganz automatisch.

Wer unter uns in der Landwirtschaft arbeitet oder gearbeitet hat, oder seine botanischen Kenntnisse auch nur dem Freizeitgärtnern verdankt, wird jetzt womöglich Einspruch erheben: Beschreibt Jesus die Realität hier wirklich korrekt? Der Landwirt, von dem er uns erzählt, verhält sich betont zurückhaltend, um nicht zu sagen passiv: Am Anfang, da sät er zwar, und am Ende, da erntet er. Doch in der entscheidenden Phase von Wachstum und Gedeihen, glänzt er mit völliger Tatenlosigkeit. Da "schläft er und steht auf, Nacht und Tag" - und das war's. Einzig und allein der Same ist tätig! Und schließlich verleiht Jesus all dem noch das i-Tüpfelchen: "Er aber weiß nicht wie." Nicht nur Abwesenheit und Untätigkeit könnte man ihm vorwerfen, sondern auch mangelhafte Kenntnisse in Grundfragen seines Metiers!

Stellt Jesus die Dinge hier nicht auf den Kopf: der praktisch tatenlose Landwirt hier und die hoch dynamische Saat dort? Ist es nicht zuletzt einem klug handelnden Landwirt zu verdanken, wenn die Saat aufgeht wie gewünscht? Das hängt ja nicht zuletzt auch von der richtigen Auswahl des Ackers ab. Mit Sorgfalt und Kompetenz müssen Landwirte auswählen, was wo am besten wächst und gedeiht - Stichwort "Bodenbonität". In der Lesung haben wir ja gehört, was passiert, wenn man wild drauf lossät (vgl. das Evangelium des Sonntags, Lukas 8,4-15)!

Das aber ist noch nicht alles: Der Sämann muss den ausgewählten Acker vor der Aussaat erst einmal gründlich bearbeiten. Nach der Aussaat bedarf es weiterhin einer permanenten aktiven Präsenz auf Seiten des Sämanns. Angesichts der in Israel herrschenden Trockenheit müsste er den Acker bewässern. Er müsste düngen, Vögel, die sich über die Samenkörner hermachen wollen, vertreiben, Unkraut entfernen und und und. Gewiss: Der antike Landwirt hatte nicht ansatzweise das Wissen und die technischen Möglichkeiten wie heutzutage unsere Erbes-Büdesheimer/Weinheimer Agraringenieure. Dennoch: Mit so wenig Kenntnis und so viel Schlaff gesegnet wie der Sämann in unserer Erzählung waren die Bauern damals, zur Zeit Jesu ganz sicher nicht.

Liebe Gemeinde, lebte Jesus etwa in blanker Ahnungslosigkeit in Sachen Landwirtschaft? Oder schätzte er gar die in der Landwirtschaft arbeitenden Menschen gering? - Das können wir getrost ausschließen. Jesus war zwar selbst kein Landwirt, sondern Zimmermann. Aber die Arbeit in der Landwirtschaft war ihm ganz und gar nicht fremd. Viele seiner Zuhörerinnen und Zuhörern waren Bauern. Mit seiner Erzählung vom Sämann und der von selbst aufgehenden Saat greift er ganz bewusst auf Situationen zurück, die ihnen aus ihrer Lebenswelt vertraut sind. Und ich vermute sogar, dass wir alle, ob wir nun landwirtschaftliche Profis oder eben doch nur Hobbygärtner sind, Jesus gut folgen können - bis vielleicht auf die etwas allzu klare Gegenüberstellung von aktiver Saat und passivem Sämann.

Aber genau für diese entscheidet Jesus sich ganz bewusst. Was er hier vordergründig beschreibt, dient der Vermittlung seiner eigentlichen Botschaft. Und diese geht dann schon über eine korrekte Beschreibung biologischer Prozesse hinaus. Hintergründig will Jesus seinen Zuhören damals wie uns heute vom Reich Gottes erzählen.

Vordergründig beschreibt Jesus den natürlichen Prozess von Wachstum und Gedeihen. Er betont dabei mit aller Deutlichkeit, dass dieser im Wesentlichen von dem abhängt, was in der Saat selbst angelegt und den Möglichkeiten des Landwirts entzogen ist. Die Saat geht auf, auch dann, wenn er seine Aktivitäten auf ein Minimum zurückfährt. Hintergründig will Jesus nun sagen: Im Reich Gottes gelten andere Wachstumskriterien als in der Lebenswelt von uns Menschen. Im Reich Gottes stehen Wachstum und Gedeihen unter anderen Vorzeichen als denen, die wir so gerne setzen. Nach den Kategorien unseres Denkens kommt es im Leben doch sehr stark auf das richtige Planen uind Organisieren, auf kluge Strategien und ständiges Machen, auf Schaffen und Häuslebauen an. Das erleben wir doch gerade zu Wahlkampfzeiten verschärft in der Politik, wenn Politikerinnen und Politiker - ob mit oder ohne Doktortitel - durchs Land hetzen, vor allem um Sympathien für sich zu gewinnen. Hier wie auch in anderen Bereichen unseres Lebens greift die Überzeugung, dass sich nur so, durch menschlichen Einsatz und Leistung Wachstum und Ernte, Glück und Erfolg einstellen.

So ist das aber gelegentlich auch in der Kirche: "Wachsen gegen den Trend" heißt es in dem von der Evangelischen Kirche in Deutschland im Jahr 2006 herausgegebenen Impulspapier "Kirche der Freiheit". Vor dem Hintergrund des für das Jahr 2030 prognostizierten Einbruchs im Bereich der Mitgliederzaheln der Kirche werden hier, unter Mitwirkung von Unternehmensberatungen, Strategien beschrieben, wie trotz gegenläufiger Tendenzen, die Zahl der Taufen und ehrenamtlichen Mitarbeiter gesteigert werden könnte. Für die Hoffnung auf das Reich Gottes, in dem die Saat von selbst aufgeht und wächst, bleibt hier nur wenig Raum.

So wichtig es auch ist, dass wir in unserer Kirche aktiv und reflektiert den Aufbau des Gemeindelebens gestalten, so wichtig es ist, in der Schule Mathe und Lateinvokabeln zu pauken, ebenso wie für die Ausbildung, das Studium und im Beruf zu arbeiten und zu lernen: Jesus konfrontiert uns mit dem Reich Gottes als einer anderen Dimension des Lebens. Für diese möchte er uns sensibel und empfänglich machen. Denn von uns aus tun wir das nicht oder nur selten. Zu sehr haben sich Geschäftigkeit und Aktionismus schon breit gemacht. Jesus will uns zu der Einsicht führen, dass wir nicht überall und ständig als die Macherinnen und Macher der Nation in Aktion treten müssen, damit etwas gelingt oder entsteht. So sehr die Macher-Mentalität unseren Alltag prägt: Gott will, dass wir uns als von ihm Beschenkte begreifen lernen, als Wertvolle, als Angenommene, als Geliebte, als Gesegnete. Davon ist Jesus überzeugt. Das, liebe Gemeinde, ist die frohe Botschaft, die wir an diesem Morgen mit Jesu Gleichnis von der automatisch wachsenden Saat ernten dürfen! So sehr es in unserem Leben auf uns und unser Tun ankommt: In Gottes Augen ist es zu wertvoll, als dass es in Aktionismus und Geschäftigkeit aufgehen sollte. Gott möchte uns die Einsicht schenken, die uns aus einer anderen Perspektive auf uns schauen lässt - die Perspektive des Reiches Gottes, in dem Gottes Wort, das wie Samenkörner auf einen guten Ackerboden ausgestreut wird, automatisch wächst und gedeiht. Das geschieht überall da, wo Menschen sich von Gott beschenken lassen und erfahren, dass sie geliebt und angenommen sind, ganz unabhängig von ihren Fähigkeiten und Leistungen.

Beim Nachdenken über den heutigen Predigttext erinnerte ich an eine Situation, die ich vor ungefähr zehn Tagen in unserer Weinheimer Kindertagesstätte erlebt habe. Ich kam mittags in einen Gruppenraum, weil ich mit einer Erzieherin noch ein paar Absprachen für einen Familiengottesdienst treffen musste. Sie saß mit 6 bis 8 Kindern zu Tisch, beim Mittagessen, genauer gesagt: beim Dessert, einem köstlich aussehenden Kuchen. Die Kinder und die Erzieherin fragten mich, ob ich mich zu ihnen setzen wollte. Schließlich wurde mir noch vom Kuchen und dazu ein Kaffee angeboten. Als wir da zusammensaßen besprachen wir alles Mögliche: über das, was wir am liebsten Essen; über Tiere - vor allem Wildschweine - haben wir uns auch unterhalten. Auf einmal sagte ein Mädchen zu mir "Herr Pfarrer Bohn, ich möchte getauft werden!" Da stutzte ich erst einmal, weil ich nun damit überhaupt nicht gerechnet habe. Dann sagte ich, um Korrektheit gegenüber den Eltern bemüht: "Das ist ja toll - große klasse! Aber darüber solltest Du auch mal mit Deinen Eltern sprechen." Darauf das Mädchen: "Das habe ich schon!" Da war ich dann doch erstaunt: Ich bin in unsere "Kita" gekommen wie unser Sämann auf sein Feld - und durfte ernten, was von selbst gewachsen und gereift ist.

Liebe Gemeinde, ganz bestimmt haben auch Sie so etwas schon einmal erfahren dürfen: Da meint es jemand gut mit Ihnen, besucht Sie in Ihrer Trauer um einen geliebten Menschen, hat Zeit und ein gutes Wort für Sie mitgebracht. Damit werden Sie beschenkt, das können Sie ernten, einfach so. Da bekommt eine Jugendliche von ihrer Clique oder in der Konfi-Gruppe zu hören "Toll, dass es Dich gibt!" oder "Wir gehen heute ins Kino. Kommst Du mit?"

Alles, was wir Beschenkten dann noch tun könnten, ist einfach zu sagen "Danke, guter Gott!"

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn. - Amen.

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