30.01.2011 zu Ps 90,12 von Pfarrer Eric Bohn

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4. Sonntag nach Epiphanias

30. Januar 2011, 10 Uhr, Evangelische Kirche Erbes-Büdesheim

Zum Anlaß der Fertigstellung der sanierten Gruft in der Evangelischen Kirche Erbes-Büdesheim

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe

Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit

Euch allen! - Amen.

Herr, segne unser Reden und Hören. Amen.

Allein 12 reformierte Pfarrer trugen den Sarg, der Dekan aus Alzey und 9 Pfarrer anderer Bekenntnisse begleiteten den Leichenzug, wobei der 90. Psalm gesungen wurde. Schultheiß, Gerichtspersonen und Vorsteher trugen Fackeln und erhielten nach der Bestattung eine Mahlzeit.

So, liebe Gemeinde, beschreibt Pfarrer Karl Müller in seinem Buch "Geschichte von Erbes-Büdesheim" die Beisetzung der Susanna Katharina Freifrau von la Roche in der Gruft unserer Kirche. Dieses außergewöhnliche Ereignis jährt sich in wenigen Tagen zum 269. Mal: Am 1. Februar 1742 verstarb die Freifrau und am selben Tag wurde sie beigesetzt, und zwar zu einer für uns ungewöhnlichen Zeit: um 8 Uhr abends.

Die knappe Schilderung Karl Müllers reicht aus, um vor meinem geistigen Auge eine befremdliche, ja fast unheimliche Szenerie entstehen zu lassen. Das Geschehen an jenem Abend unterstrich ganz gewiss eindrucksvoll die Botschaft des 90. Psalms, den die Trauernden sangen:

Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.

Die Worte des Psalms konfrontierten jede und jeden unter den Trauernden mit der Tatsache: Auch ihr Leben ist endlich. Auch ihrem Leben ist eine Grenze gesetzt. Daran hat sich von der Zeit des Psalmisten im alten Israel, über das 18. Jahrhundert, bis in unsere Gegenwart michts geändert. Mag vielleicht durch die Möglichkeiten der modernen Medizin die Grenze unseres Lebens ein wenig nach hinten gerückt sein. Dennoch ist und bleibt es begrenzt. Das Sterben gehört zur Wirklichkeit unseres Lebens.

Offenbar tat man sich aber schon damals, im alten Israel, schwer mit der Auseinandersetzung um diese Tatsache. Nach Ansicht des Beters bedarf es eines Anstoßes von außen bzw. von oben: "Lehre uns bedenken..."

Und damit berührt er ein Thema, das schon zu seiner Zeit ein Tabu war: die Toten und damit auch die Erinnerung an die eigene Sterblichkeit. Nach den Vorstellungen des alten Israel hatten die Toten ihren Ort im Totenreich. Dort existierten sie in absoluter Beziehungslosigkeit zu Gott und zu den Lebenden. Tote und Gräber galten daher als kultisch unrein. Zu all dem ging man deshalb auf Distanz. Die Gefahr des Verdrängens der eigenen Sterblichkeit bestand demnach schon damals.

Auch in unserer Geseööschaft mit ihren Idealen wie Schönheit und Jugend, körperliche Fitness und Leistungsfähigkeit gibt es Entwicklungen, an denen das deutlich wird: Die Auseinandersetzung mit unserer Sterblichkeit, dem Sterben und dem Tod werden immer mehr an den Rand des öffentlichen Bewusstseins gedrängt. Das Sterben ereignet sich zunehmend isoliert, an speziellen Orten. Und der Tod bzw. die Auseinandersetzung mit ihm wird weiter aus dem Bereich des öffentlichen Lebens verdrängt.

Dazu eine erste Beobachtung - in bezug auf den Umgang mit dem Sterben in unserer Gesellschaft: Viele Menschen sterben nicht mehr zu Hause, sondern in Krankenhäusern und Altenheimen. Aber das Leben in Gemeinschaft, das Leben in Beziehungen, im familiären und nachbarschaftlichen Gefüge verschiedener Generationen ist für ein würdevolles Leben ebenso wichtig wie für ein würdevolles Sterben. Und zugleich bietet das Leben in Gemeinschaft mit den Sterbenden den Menschen, die mitten im Leben stehen, die Gelegenheit, sich mit ihrer eigenen Sterblichkeit - und damit auch mit dem eigenen Sterben - auseinanderzusetzen. Womöglich haben Sie nun den Eindruck, ich stünde hier mit erhobenem Zeigefinger und mache all jenen Vorwürfe, die ihre sterbenden Angehörigen nicht zu Hause pflegen. Das ist ganz gewiss nicht meine Absicht. Mir ist durchaus bewusst, dass viele Menschen willens, aber aus ganz bestimmten Gründen nicht in der Lage sind, ihre sterbenden Angehörigen zu begleiten. Wohl dem aber, der die Möglichkeit hat, zu Hause, in der vertrauten Umgebung zu sterben, begleitet von Menschen, die ihm nahe stehen! Wohl dem, der die Möglichkeit hat, mit der Fürsorge um einen sterbenden Menschen wichtige Erfahrungen zu machen, die schlußendlich auch sein eigenes Leben betreffen!

Schließlich eine Beobachtung im Hinblick auf den Umgang mit dem Tod in unserer Gesellschaft: Immer mehr Bestattungsinstitute bieten Räume an, in denen Trauerfeiern abgehalten werden können. Die Vergegenwärtigung unserer Sterblichkeit ist nun nicht mehr auf öffentliche Orte allein - also auf Friedhöfe mit ihren Aussegnungshallen - beschränkt. Nun kann das, worum der Beter des 90. Psalms bittet, auch im privaten, ja intimen Rahmen stattfinden. Die Kultur des Trauerns, und mit ihr die Möglichkeit der Erinnerung an unsere Sterblichkeit, verliert damit immer mehr ihren öffentlichen Rahmen. Denn sie hat ihren Ort hinter den privaten Mauern eines Bestatters, lediglich im kleinen Kreis der Familie, der engsten Freunde und Weggefährten, und verschwindet somit aus dem Bereich der allgemeinen Wahrnehmung.

"Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden." - Bedenken sollen wir, nicht verdrängen! Und deshalb muss an der eben beschriebenen Entwicklung von kirchlicher Seite Kritik geübt werden. Ungeachtet dessen steht für mich außer Frage, dass ich auch in einem solchen, vor dem Hintergrund des Zeugnisses der Bibel inakzeptablen Rahmen verstorbene Gemeindemitglieder und ihre Angehörigen begleite, wenn es denn deren ausdrücklicher Wunsch ist.

So hielt ich vor wenigen Wochen eine Trauerfeier in den Räumen eines Bestattungsinstituts - in einem betont nicht-öffentlichen Rahmen: bei gedämpfter Beleuchtung und heruntergelassenen Jalousien. Während sich in dem Raum für die Trauerfeier die Angehörigen bei CD-Musik um die Urne versammelten, sollte ich draußen, im Foyer, warten. Während ich wartete, bot eine Mitarbeiterin mir einen Platz auf einem schwarzen Ledersessel an. In bequemer Lage (!) ließ ich die Atmosphäre des Foyers im Bestattungsinstitut auf mich wirken. Überall waren Engel - für meine Begriffe Kitsch-Engel - in allen Größen: über mir, neben mir, vor mir, auch hinter mir. Überall brannten Kerzen. Das elektrische Licht war genau eingestellt: nicht zu hell und nicht zu dunkel - betont angenehm, wie alles in dem Raum. Nicht nur, dass in dem Moment die Kultur des Trauerns aus der Öffentlichkeit in die Privatsphäre gezogen war. Zudem beschlich mich der Gedanke, dass der Tod in diesem privaten Rahmen - zeitgeist-typisch menschlicher Sehnsucht folgend - verkitscht und verharmlost wurde: bei Kerzenschein, mit goldenen Engeln und schicken Sesseln. Nichts, aber auch gar nichts tut da weh.

Liebe Gemeinde, in jenen Minuten des Wartens im Foyer des Bestattungsinstituts kamen mir die gewohnten Friedhofshallen in den Sinn. Es war fast so, als sehnte ich mich nach diesen meist zugigen Orten mit ihrem von öffentlicher Hand sparsam hergestellten Charme. Sind diese nicht der in der Tat ungemütlichen Wirklichkeit des Todes angemessener als das gepflegte Wellness-Ambiente beim Bestatter? Und just in diesem selben Moment des Nachdenkens dachte ich an die Gruft in unserer Kirche - an einem öffentlichen Ort, an dem sich die Lebenden an die Verstorbenen erinnern und vielleicht einen Anstoß bekommen, sich mit ihrer eigenen Sterblichkeit auseinanderzusetzen. Ursprünglich war die Gruft nur mit Brettern verschlossen. Ohne große Mühe wurde sie kurze Zeit nach der Beisetzung der Freifrau von la Roche ein zweites Mal geöffnet. Gustav Adolf von Bennigsen - ein Kind - wurde darin, nach seinem tragischen Tod in einer Jauchegrube, beigesetzt. Ein letztes Mal wurde die Gruft geöffnet, als Friedrich I. von la Roche, der jüngste Sohn der Freifrau, dort seine letzte Ruhestätte fand. Als unsere Kirche im Jahr 1954 renoviert wurde, wurde der Eingang der Gruft mit Sandsteinplatten verschlossen. Irgendwann wurde dieser dann noch von einem Teppich zugedeckt.

Mit ihrer Sanierung, die im letzten Jahr begann und nun zu ihrem Ende gekommen ist, lenkt sie mit ihrem sichtbaren Eingang die Aufmerksamkeit der Besucher unserer Kirche wieder auf sich. Und sie ist nun auch wieder zugänglich, wenn auch nur, aus Gründen der Pietät, nur zu bestimmten Anlässen. Im öffentlichen Raum unserer Erbes-Büdesheimer Kirche ist sie nun aber wieder präsent - und mit ihr die Verstorbenen, welche die Geschichte unserer Kirchengemeinde so wesentlich geprägt haben. Somit, liebe Gemeinde, werden wir, die wir hier heute und zukünftig Gottesdienst feiern, an jenes Ereignis am 1. Februar 1742 erinnert - und zugleich an Erinnerungsbotschaft des 90. Psalms, wider gegenwärtiges und zukünftiges Verdrängen: "Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden."

Im unmittelbarem Gegenüber des Eingangs zur Gruft, an eine Wirklichkeit erinnert. Diese ergänzt unsere Erinnerung an die Wirklichkeit von Sterben und Tod mit ein und geht zugleich über sie hinaus: Kreuz, Osterkerze und Taufstein erinnern uns an die Wirklichkeit des Lebens, das stärker ist als der Tod. Kreuz, Osterkerze und Taufstehen stehen für unseren christlichen Glauben, unsere feste Gewissheit, dass wir im Leben wie im Sterben in Gottes Hand geborgen sind. Nicht der Tod hat das letzte Wort, sondern Gott, der Schöpfer des Lebens. Immer dann, wenn wir über der Gruft einen Menschen taufen und an der Osterkerze die Taufkerze entzünden, fängt das Licht des Ostermorgens einmal mehr für einen Menschen an zu brennen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn. - Amen.

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