22.01.2012 zu 2. Kön 5, 1-15.19a von Pfarrer Eric Bohn

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Gottesdienst am 3. Sonntag nach Epiphanias (22.01.2012)

9 Uhr Weinheim/10 Uhr Offenheim

Predigt zu 2. Kön 5, 1-15.19a

 

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit Euch allen! Amen.

Naaman, der Feldhauptmann des Königs von Aram, war ein trefflicher Mann vor seinem Herrn und wert gehalten; denn durch ihn gab der HERR den Aramäern Sieg. Und er war ein gewaltiger Mann, jedoch aussätzig. Aber die Kriegsleute der Aramäer waren ausgezogen und hatten ein junges Mädchen weggeführt aus dem Lande Israel; die war im Dienst der Frau Naamans. Die sprach zu ihrer Herrin: Ach, dass mein Herr wäre bei dem Propheten in Samaria! Der könnte ihn von seinem Aussatz befreien. Da ging Naaman hinein zu seinem Herrn und sagte es ihm an und sprach: So und so hat das Mädchen aus dem Lande Israel geredet. Der König von Aram sprach: So zieh hin, ich will dem König von Israel einen Brief schreiben.

Und er zog hin und nahm mit sich zehn Zentner Silber und sechstausend Goldgulden und zehn Feierkleider und brachte den Brief dem König von Israel; der lautete: Wenn dieser Brief zu dir kommt, siehe, so wisse, ich habe meinen Knecht Naaman zu dir gesandt, damit du ihn von seinem Aussatz befreist. Und als der König von Israel den Brief las, zerriss er seine Kleider und sprach: Bin ich denn Gott, dass ich töten und lebendig machen könnte, dass er zu mir schickt, ich solle den Mann von seinem Aussatz befreien? Merkt und seht, wie er Streit mit mir sucht!
Als Elisa, der Mann Gottes, hörte, dass der König von Israel seine Kleider zerrissen hatte, sandte er zu ihm und ließ ihm sagen: Warum hast du deine Kleider zerrissen? Lass ihn zu mir kommen, damit er innewerde, dass ein Prophet in Israel ist.
So kam Naaman mit Rossen und Wagen und hielt vor der Tür am Hause Elisas. Da sandte Elisa einen Boten zu ihm und ließ ihm sagen: Geh hin und wasche dich siebenmal im Jordan, so wird dir dein Fleisch wieder heil und du wirst rein werden. Da wurde Naaman zornig und zog weg und sprach: Ich meinte, er selbst sollte zu mir herauskommen und hertreten und den Namen des HERRN, seines Gottes, anrufen und seine Hand hin zum Heiligtum erheben und mich so von dem Aussatz befreien. Sind nicht die Flüsse von Damaskus, Abana und Parpar, besser als alle Wasser in Israel, so dass ich mich in ihnen waschen und rein werden könnte? Und er wandte sich und zog weg im Zorn.
Da machten sich seine Diener an ihn heran, redeten mit ihm und sprachen: Lieber Vater, wenn dir der Prophet etwas Großes geboten hätte, hättest du es nicht getan? Wie viel mehr, wenn er zu dir sagt: Wasche dich, so wirst du rein! Da stieg er ab und tauchte unter im Jordan siebenmal, wie der Mann Gottes geboten hatte. Und sein Fleisch wurde wieder heil wie das Fleisch eines jungen Knaben, und er wurde rein.
Und er kehrte zurück zu dem Mann Gottes mit allen seinen Leuten. Und als er hinkam, trat er vor ihn und sprach: Siehe, nun weiß ich, dass kein Gott ist in allen Landen, außer in Israel; so nimm nun eine Segensgabe von deinem Knecht. Elisa aber sprach: So wahr der HERR lebt, vor dem ich stehe: ich nehme es nicht. Und er nötigte ihn, dass er es nehme; aber er wollte nicht. Da sprach Naaman: Wenn nicht, so könnte doch deinem Knecht gegeben werden von dieser Erde eine Last, soviel zwei Maultiere tragen! Denn dein Knecht will nicht mehr andern Göttern opfern und Brandopfer darbringen, sondern allein dem HERRN. Nur darin wolle der HERR deinem Knecht gnädig sein: wenn mein König in den Tempel Rimmons geht, um dort anzubeten, und er sich auf meinen Arm lehnt und ich auch anbete im Tempel Rimmons, dann möge der HERR deinem Knecht vergeben. Er sprach zu ihm: Zieh hin mit Frieden!

Herr, segne unser Reden und Hören. Amen.

 

Liebe Gemeinde,

ein stattlicher Mann im besten Alter, erfolgreicher Militär und kühner Stratege, angesehen bei König und Volk – mit anderen Worten: ein echter Preuße! So stelle ich ihn mir vor, den Naaman.

Doch der von Erfolg verwöhnte Held der Nation ist zur tragischen Gestalt geworden: Naaman leidet unter einer üblen Hautkrankheit. Aussatz – heute nennen wir das Schuppenflechte. Und die lässt sich nicht so einfach verbergen. Alle können sehen, was mit ihm los ist. Sein Image, sein Selbstbewusstsein ist angekratzt. Der Lack blättert.

Verluste und Niederlagen, Gebrechen und Schwächen,  Lamentos über ein Wehwehchen hier und ein Wehwehchen da? Fehlanzeige bei einem Mann wie ihm, einem echten Siegertyp – so auch im Angesicht seiner Krankheit. Und genau der erklärt er nun den Krieg – entschlossen, mannhaft und kämpferisch, wie sonst in seinem Leben. Nichts überläßt er dem Zufall. Es ist eben alles eine Frage der richtigen Strategie: mit „Vitamin B“ - ein Brief auf höchster Regierungsebene -  und dem nötigen Kleingeld – und die Chefarztbehandlung ist garantiert! Sie sehen: Das war damals, zu biblischen Zeiten, gar nicht so viel anders als heute.  

So reist nun Naaman gleich mit einem ganzen Fuhrpark zum Spezialisten nach Israel. Doch die Enttäuschung folgt auf dem Fuß: Der sogenannte Spezialist, auf den sich Naamans Erwartungen richteten, hält es offenbar nicht für nötig, die Behandlung selbst durchzuführen. Schickt der doch einfach irgendeinen Assistenten! Und als ob das nicht genug wäre, schwätzt der ihm noch eine billige Therapie auf. Eine Kneipp-Kur – das hätte Naaman auch zu Hause in Aram haben können! Dafür soll er nach Samaria gereist sein?

Die Ideale eines Mannes im alten Orient, vor ungefähr dreitausend Jahren. Sie gelten durchaus noch heute, auch hierzulande. „Nicht kleckern: klotzen!“ lautet die Devise auch in unserer Gesellschaft. Wer etwas erreichen will, muss dafür etwas tun, im Berufsleben sowieso, aber auch in der Clique, im Verein, im Bekanntenkreis. Genau deshalb mag auch uns der Fortgang der Geschichte von Naaman überraschen. Als der nämlich nichts weiter tut, als murrend und knurrend durchs Wasser zu stapfen, geschieht das, was in Naamans und unseren Augen doch eigentlich ein Wunder ist: Er wird geheilt.

Damit könnte die Geschichte von Naaman doch eigentlich enden: Der mit Hindernissen gespickte Weg des kranken, in seinem Stolz zutiefst verletzten Mannes endet mit einem happy end. Wieder eine Schlacht erfolgreich geschlagen, diesmal an der medizinischen Front. Jetzt hat Naaman wieder Oberwasser und kann sich in der Öffentlichkeit wieder sehen lassen. Wäre unser Predigttext an dieser Stelle zu Ende, wäre er eine von den vielen schönen Geschichten aus dem alten Orient, aus tausend und einer Nacht. Am Ende hätte Naaman doch noch gefunden, was er gesucht hat: Heilung an Leib und Seele.

„Hauptsache gesund!?“ - Ist das die Botschaft unserer Geschichte?  Nein, liebe Gemeinde! Die wiedererlangte Gesundheit ist nicht alles, was Naaman mit nach Hause nimmt: „Siehe, nun weiß ich, dass kein Gott ist in allen Landen, außer in Israel.“ Naaman hat nicht nur Heilung, sondern zugleich auch Heil gefunden. Denn bei seiner Heilung war ganz offenbar eine Macht wirksam, für die ganz andere Maßstäbe gelten, als die, die Naaman gesetzt hat. Auch im Kleinen, was äußerlich eher bescheiden, nach menschlichem Ermessen vielleicht sogar lächerlich daherkommt, ist Gott im Leben von uns Menschen präsent.

Wir feiern Epiphanias, das Fest der Erscheinung des Herrn. Wie ich am vergangenen Sonntag schon sagte: Der Begriff „Epiphanias“ stammt aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie „Erscheinung, Offenbarung“ - oder wie wir heute, in unseren politisch turbulenten Zeiten eher sagen würden: „Transparentmachung“. In dieser Zeit des Kirchenjahres erinnern wir uns daran, dass Gott sich selbst offenbart, transparent gemacht, man könnte auch sagen: „geoutet“ hat. Christen glauben daran, dass er dies am eindrucksvollsten getan hat, indem er sich als Säugling in einem Viehstall in das Treiben dieser Welt eingeklinkt hat. Deshalb gehört das Epiphaniasfest zum Weihnachtsfestkreis und steht an dessen Ende.

Dass Gott sich aber ausgerechnet auf diese Art und Weise, in Jesus Christus gezeigt hat, widerspricht doch eigentlich den Kategorien unseres Denkens, wie sie in der Gestalt des Naaman so herrlich zum Ausdruck gebracht, fast schon karikiert werden. Der Gott, der dem Naaman in einer medizinisch eher bescheidenen Therapie erschienen ist, ist kein anderer als der Gott, der sich uns im Jesuskind mitteilt. Ein solcher Gott, der äußerlich so unspektakulär und schwach als Verlierertyp daherkommt, hatte bei Naaman zunächst einmal keine Chance zu punkten. Wie ja auch heute noch viele sich genau aus diesen Gründen über den christlichen Glauben, über uns Christinnen und Christen gerne lustig machen. Auch der Apostel Paulus musste ja zur Kenntnis nehmen, dass ein Gott, der uns Menschen auf Augenhöhe erscheint, für viele seiner Zeitgenossen eine Torheit und ein Ärgernis war (vgl. 1. Kor 1, 23).

In seiner unendlichen Freiheit und weil sein Herz für seine Menschen brennt, hat er sich entschieden für uns da zu sein – auch und gerade in den kleinen, scheinbar bedeutungslosen, Momenten unseres Alltags. Da, wo wir es nicht erwarten und für möglich halten, sollen sich nach seinem Willen Himmel und Erde für uns berühren. Da schenkt er uns seine ungeteilte Gegenwart und Anteilnahme, die Kraft und den Mut, seine Liebe weiter zu tragen und miteinander zu teilen: Versöhnung, Neubeginn, sein Heil inmitten dieser Welt ist möglich. Gott lädt uns ein, einander zu begegnen, einander neu zu begegnen: bei einem Besuch im Krankenhaus oder im Seniorenheim, bei einem guten Gespräch im Ort, beim Singen mit Kindern im Kindergarten oder in der Schule, in einer der Gruppen oder in einem der Kreise in unserer Gemeinde, in unserer Pfarrei.

Epiphanias. Mit Gottes Erscheinen können wir rechnen –  auch dann, wenn unser Leben im Angesicht unserer Pläne und Strategien aus dem Ruder zu laufen scheint. Sein Erscheinen zielt darauf, dass unser Leben nicht länger von Verunsicherung und Orientierungslosigkeit, nicht länger von Einsamkeit und Isolation, nicht länger von Traurigkeit und Hoffnungslosigkeit, nicht länger von unserer Krankheit und unseren Gebrechen und auch nicht länger von den Brüchen und unserm Misslingen  bestimmt ist, sondern dass wir und alle Menschen im Lichte Gottes in die Gemeinschaft geführt werden, wo sie einander begegnen, Freud und Leid miteinander teilen, sich ihrer Gaben und Fähigkeiten bewusst werden, ihre Möglichkeiten für sich und andere gebrauchen und dabei Dankbarkeit und Freude empfinden.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn. - Amen.

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