31.12.2012 zu Joh 8, 31-36 von Pfarrer Eric Bohn

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Altjahrsabend

31.12.2012, 17.30 Uhr, Ev. Kirche Erbes-Büdesheim/19 Uhr, Ev. Kirche Weinheim

Predigt zu Joh 8, 31-36



Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit Euch allen! Amen.

Da sprach Jesus zu den Juden, die an ihn glaubten:

Wenn ihr bleiben werdet an meinem Wort, so seid ihr wahrhaftig meine Jünger und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.

Da antworteten sie ihm: Wir sind Abrahams Kinder und sind niemals jemandes Knecht gewesen. Wie sprichst du dann: Ihr sollt frei werden?

Jesus antwortete ihnen und sprach: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer Sünde tut, der ist der Sünde Kencht. Der Knecht bleibt nicht ewig im Haus; der Sohn bleibt ewig.

Wenn euch nun der Sohn frei macht, so seid ihr wirklich frei.

Herr, segne unser Reden und Hören. Amen.

 

Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein. Alle Ängste, alle Sorgen, sagt man, blieben darunter verborgen und dann würde, was groß und wichtig erscheint, plötzlich nichtig und klein.“

Ganz bestimmt kennen einige von Ihnen, liebe Gemeinde, dieses Lied aus der Feder des Liedermachers Reinhard Mey. Es besingt die Sehnsucht von uns Menschen nach Freiheit, die Sehnsucht frei zu sein von allem, was uns beschwert. Einfach alles los und hinter sich zu lassen, was uns mit Ungewissheit erfüllt und vor Fragen stellt – Fragen, auf die wir noch keine Antwort haben.

Wie soll es nach dem Tod meiner Frau nur weitergehen?“ - „Warum besucht mich keiner von den Leuten, mit denen ich mich regelmäßig in der Gemeinde getroffen habe, jetzt wo ich das Haus nicht mehr verlassen kann?“ - „Werde ich im nächsten Jahr noch in der Lage sein, meinen Haushalt zu führen oder muss ich ins Seniorenheim ziehen?“ So fragen sich manche ältere Menschen.

Werde ich auch im neuen Jahr noch die Kraft haben, die Kinder und meinen Job unter einen Hut zu bekommen?“ fragt sich eine alleinerziehende Mutter. - „Wie sicher ist noch meine Arbeitsstelle?“ - „Wie soll es weiter gehen mit der Pflege meiner Eltern?“ fragen viele, die in der Verantwortung stehen, für ihre Kinder und ihre Familie zu sorgen.

Ganz junge Menschen fragen: „Wie wird wohl mein nächstes Zeugnis aussehen bei dem Lernstoff?“ - „Was bekomme ich von meinen Eltern zu hören, wenn ich wieder eine fünf in Mathe bekomme?“ - „Was muss ich tun, damit ich von den anderen nicht weiter gedisst (ausgeschlossen) werde?“

Fragen wie diese begleiten Menschen aus der Mitte unserer Gemeinde auf ihrem Weg in das neue Jahr. Wir kennen diese oder ähnliche Fragen und sind womöglich gerade jetzt, an diesem Altjahrsabend, auch davon berührt. So gerne wir uns von unseren „Altlasten“ aus dem Jahr 2012 befreien würden: Wir können sie nicht einfach so abschütteln, unter den „Wolkenteppich“ des Verdrängens und Vergessens kehren und so tun, als wären sie „nichtig und klein“. Einfach so abheben? Gewiss, das ist eine schöne Vorstellung. Aber die Wirklichkeit sieht nun einmal anders aus. Dafür sorgt unsere Erinnerung, und nicht zuletzt auch unser Verantwortungsbewusstsein uns selbst und den Menschen gegenüber, die uns anvertraut sind.

 

Von Freiheit spricht auch Jesus in unserem Predigttext. Bei unserer Suche nach Freiheit will er uns aber nicht auf die schiefe Bahn einer schönen Illusion schicken. Er will uns vielmehr dazu einladen, in seine Nachfolge zu treten: “Wenn ihr bleiben werdet an meinem Wort, so seid ihr wahrhaftig meine Jünger und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.“ sagt er.

Was ist das für eine Freiheit, von der Jesus da spricht? Und was versteht Jesus unter „Wahrheit“?

Freiheit verdankt sich für Jesus nicht dem menschlichen Streben nach Unabhängigkeit und Autonomie. Wo der Mensch die Wahrheit in sich selbst sucht und meint frei zu sein, wenn er aus sich selbst heraus lebt, läuft sein Leben nicht auf echte Freiheit hinaus, sondern er gaukelt sich seine Freiheit nur vor. Tatsächlich befördert auf diesem Weg in die Beziehungslosigkeit, in die Einsamkeit und Isolation.

Die Freiheit, von der Jesus spricht, verdankt sich nicht menschlicher Aktivität: sie wird uns Menschen geschenkt – wie gesagt: wenn wir uns in Jesu Nachfolge stellen, seine Worte und Taten zum Maßstab unseres Redens und Handelns werden lassen.

So wenig sich echte Freiheit menschlichen Aktivitäten zur Selbstbefreiung verdankt, so wenig verdankt sich echte Freiheit menschlicher Passivität: Seinen jüdischen Gesprächspartnern empfiehlt Jesus, sich nicht auf ihren religiösen Sonderstatus, auf das Privileg, zu Gottes auserwähltem Volk zu gehören, zu verlassen. Wären wir Christinnen und Christen an deren Stelle mit Jesus im Gespräch, würde er uns raten, uns nicht auf unserem Getauftsein, auf unserer Kirchenmitgliedschaft auszuruhen. Freiheit im Sinne Jesu beruht also auch nicht auf menschlicher Passivität. Denn diese liefe auf Selbstgerechtigkeit und elitären Dünkel hinaus.

Wie Jesu Leben in Freiheit aussieht, lassen die Evangelien mannigfaltig sichtbar werden. So erzählt beispielsweise der Evangelist Johannes, wie Jesus an einem Brunnen einer Frau begegnet. Sie gehört einer religiösen Minderheit an: sie ist Samaritanerin. Im Lauf des Gesprächs mit Jesus wird sie immer selbstbewusster. Das Trennende zwischen den beiden Angehörigen unterschiedlicher Religionen tritt zunehmend in den Hintergrund. Schließlich folgt sie ihm nach und möchte viele Menschen für den Glauben an Jesus gewinnen.

An einer anderen Stelle berichtet der Evangelist von einer Frau, die Ehebruch begangen hat. Einige Männer wollen sie – angeblich im Namen und zur Ehre Gottes – zu Tode steinigen. Doch Jesus entlarvt die Selbstgerechtigkeit und Heuchelei der Ankläger und rettet so dieser Frau das Leben.

Am Abend vor seiner Hinrichtung am Kreuz setzt Jesus ein deutliches Zeichen für sein Verständnis von Freiheit: Er kniet sich nieder und wäscht seinen Jüngern die Füße – eine Arbeit, die damals nur für die niedrigsten Sklaven auszuüben hatten.

Jesu Worte und Taten lassen die Wahrheit erkennbar werden: religiöse und weltanschauliche Intoleranz, Hinrichtungen im Namen Gottes, ein soziales Gefälle wie das zwischen Herren und Sklaven führen nicht in die Freiheit, sondern in die Knechtschaft menschlicher Irrtümer, Ideologien und Illusionen.

Der Wanderprediger aus Nazaret nimmt sich die Freiheit, alle geltenden Trennungen seiner Zeit zu missachten. Denn er stellt die Liebe Gottes zu den Menschen über die religiösen Gesetze und gesellschaftlichen Konventionen. Er hat die Wahrheit erkannt: die Wahrheit, dass Gott seine Menschen liebt, dass Gottes Liebe über allen und über allem steht. Gottes Liebe zu allen Menschen, zu seiner ganzen Schöpfung, hat bis heute nichts von ihrer Kraft verloren. Diese Wahrheit hat Jesus erkannt. Ihre Erkenntnis hat ihren Ort mitten im Leben von uns Menschen, mitten in unserem Alltag mit seinen großen und kleinen Sorgen. Jesus will, dass wir an seiner Erkenntnis der Wahrheit teilhaben: dazu ist Jesus gesandt, das ist der Sinn seiner Menschwerdung, die wir in dieser Zeit des Kirchenjahres feiern. Darauf kommt er immer wieder zu sprechen: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“ (Joh 14,6) sagt er zu seinen Jüngern. Und im Verhör vor Pilatus sagt er: „Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich die Wahrheit bezeugen soll.“ (Joh 18,37)

 

Wenn euch nun der Sohn frei macht, so seid ihr wirklich frei.“ sagt Jesus. Liebe Gemeinde, Gott möchte uns das für das neue Jahr schenken: echte Freiheit, wirklich frei sein, um unser Leben mit all den Herausforderungen, die es an uns stellt, an Jesus zu orientieren. An der Schwelle zu einem neuen Jahr will er uns befreien zu einem neuen Denken. Das möge uns in 2013 öffnen für die Begegnungen mit anderen Menschen. Sie und auch wir mögen die Liebe Gottes immer wieder neu erfahren: indem wir auf die, die uns im alten Jahr Unrecht getan haben zugehen, verzeihen und einen Neuanfang möglich machen; indem wir auf unsere Begabungen und Fähigkeiten neu vertrauen.

Martin Luther beschreibt das christliche Verständnis von Freiheit in seiner wohl berühmtesten Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ aus dem Jahr 1520 so:

Ein Christenmensch lebt nicht in sich selbst, sondern in Christus und seinem Nächsten: in Christus durch den Glauben, im Nächsten durch die Liebe.

Durch den Glauben fähret er über sich in Gott, aus Gott fähret er wieder unter sich durch die Liebe und bleibt doch immer in Gott und göttlicher Liebe.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn. - Amen.

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